Ausstieg aus dem Kükentöten: unsere Einschätzung
Millionen männliche Küken wurden in der Eierproduktion jeweils als Eintagsküken getötet. Das ändert sich bald: Bis Ende 2025 wird eine Branchenlösung umgesetzt, wonach das Geschlecht in der konventionellen Haltung neu schon im Ei bestimmt wird. Und die Bio-Eierproduktion setzt bald komplett auf Zweinutzungshühner, bei der die männlichen Tiere aufgezogen und gemästet werden. Also alles im grünen Bereich in der Eierproduktion? Hier unsere Einschätzung.
Kükentöten à discretion
Männliche Küken sind für die Eierproduktion wertlos, da sie selbst keine Eier legen und nicht viel Fleisch ansetzen. Jahrzehntelang war die Praxis somit die gleiche: die Küken wurden «gesext», also ihr Geschlecht bestimmt. Waren sie männlich, wurden sie aussortiert und getötet. Zuletzt wurden 2-3 Millionen Tiere pro Jahr entsorgt.[1] Lange war sogar das Schreddern der Küken erlaubt. Zuletzt wurden die «Eintagsküken» vergast. Wirtschaftlich ist das günstiger, als die Tiere aufzuziehen, aus Tierschutz- und Marketingsicht ist das millionenfache Töten jedoch eine Katastrophe. Alternativen mussten her.

Eine Branchenlösung mit Ausnahmen
Ab 2026 sollen in der Schweiz keine männliche Küken mehr getötet werden – so will es die entsprechende Branchenlösung der Schweizer Eierproduzenten.[2] Neu wird hierzulande mittels MRI-Verfahren das Geschlecht der Tiere schon im Ei bestimmt.[3] Das nennt sich «In-Ovo-Selektion». Es wird aber weiterhin männliche Eintagsküken geben: Eine halbe Million «Futterküken»[4] für Zoos und Tierhandlungen werden trotzdem ausgebrütet und getötet.
Entsorgung im Ei ohne Schmerzen?
Neu werden die Eier in der konventionellen Produktion am 11. und 12. Bruttag gesext und entsorgt. Die Branche geht davon aus, dass die Tiere erst ab dem 13. Tag Schmerzen empfinden.[5] Doch genau das ist umstritten: Die Schmerzempfindung im Ei ist generell schlecht erforscht. Es gibt aber Studien, die darauf hindeuten, dass das Schmerzempfinden schon ab dem 7. Bruttag vorhanden sein könnte.[6] Solange das nicht abschliessend geklärt ist, müssten eigentlich Verfahren eingesetzt werden, die das Geschlecht im Ei vor dem 7. Tag bestimmen. Aus Tierschutzsicht ist die aktuelle In-Ovo-Bestimmung deshalb potenziell grausam.
Bio-Produktion: Hahn im Unglück
In der Bio-Produktion werden die männlichen Tiere nicht schon im Ei entsorgt, sondern aufgezogen – genauer gesagt: gemästet. Aber die Bio-Produktion ist leider nicht so idyllisch, wie sie das manchmal vorgibt. Denn auch in der Bio-Haltung leben die Masthühner z.B. in viel zu grossen Gruppen von maximal 500 bis 2000 Tiere (je nach Zeitpunkt).[7] Für die Hähne bedeutet das viel Stress. Auch sonst sind die Tiere immer noch Ware und müssen mit ihrem Fleisch möglichst viel Geld einbringen. Im Laden werden die Eier übrigens mit Labels wie «Für Henne & Hahn» oder «Hahn im Glück» ausgezeichnet.[7] So wird das Ende einer riesigen Tierschutzkatastrophe dazu benutzt, um den Konsumierenden beim Kauf ein gutes Gewissen zu machen.

Bild: Webseite Bio Suisse (Screenshot)
Fazit
Das Ende des Kükentötens ist ein Schritt in die richtige Richtung – die Umsetzung aus Tierschutzsicht jedoch fragwürdig. Gleichzeitig bleiben weitere immensen Probleme der Eierproduktion bestehen: Die meisten Legehennen leiden immer noch an schmerzhaften Brustbeinbrüchen, leben in den viel zu grossen Beständen im Dauerstress und kämpfen mit gesundheitlichen Problemen infolge Überzüchtung. Das Ende des Kükentötens als Aufhänger für Marketingkampagnen zu nehmen, ist zynisch und blendet die dauerhaften Tierschutzprobleme in der Eierindustrie aus.
Wer wirklich helfen will, bleibt der Tierwirtschaft gegenüber kritisch und informiert sich über das Leid der Hühner, Hähne und Küken. Und lässt in Zukunft das Frühstücksei am besten weg.
Nachweise & weiterführende Infos
[1] https://www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/kein-erbarmen-mit-maennlichen-kueken
[3] https://www.watson.ch/schweiz/wissen/304249207-eier-wie-die-branche-dem-kuekentoeten-ein-ende-setzt
[5] https://www.watson.ch/schweiz/wissen/304249207-eier-wie-die-branche-dem-kuekentoeten-ein-ende-setzt
[7] https://www.bio-suisse.ch/de/unser-engagement/tierwohl/haltung/huehnerhaltung.html






